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Eigener Artikel über Hirnforschung und Gegenübertragung in der Familienaufstellungsarbeit

erschienen in "praxis der systemaufstellung" 5. Jg. 2/2004 / S/20


Gegenübertragung und Hirnforschung:
Themen fürs Familienstellen




Die meisten von uns Familienaufstellern kennen die Szene: Bert Hellinger sitzt vor einer Aufstellung nahe beim Klienten - und beide schweigen, manchmal lange. Auch wir kennen wahrscheinlich diese Erfahrung aus der eigenen Arbeit.
Was geschieht da?
Es ist ein Sich-Sammeln, eine Einladung an den Klienten, sich zum Wesentlichen hin zu bewegen.
Aber ich meine, da passiert viel mehr - bereits inhaltlich Wesentliches.
Eine weitere uns aus Bert`s und aus der eigenen Arbeit bekannte Szene:
Der Aufstellungsfluß stockt, nichts geht mehr weiter, keine der Ideen oder der Mitteilungen scheinen mehr zu passen oder weiterzuführen.
Wenn wir uns dann auf dieses „Nichtwissen“ einlassen, dem zustimmen, kommt oft die entscheidende Frage oder Wahrnehmung, die vorher nicht zugänglich war.
Was geschieht da?
Neben dem Respekt vor dem Nicht-erklärbaren, dem Größeren, der Seele, das nicht erklärt werden darf und kann, gibt es nun aus den Forschungsbereichen Neurobiologie (Hirnforschung), Entwicklungspsychologie (Säuglingsforschung) und Bindungs-(attachement)-Psychologie spannende Ergebnisse, auf die ich im Folgenden eingehen möchte. Diese Ergebnisse können wir nutzen für die Professionalisierung unserer praktischen Arbeit und für den Umgang mit der oft heftigen Kritik an dieser systemischen Arbeit.


Rechtshirnige Kommunikation

Allan Schore1 hat Hunderte von Forschungsergebnissen aus den oben genannten Disziplinen zusammengetragen.
Üblicherweise gehen wir ja davon aus, dass unsere linke Hirnhälfte mit sprachlicher, verstehender Funktion dominant ist, und die rechte Hirnhälfte im Hintergrund unsere Gefühle regelt.

Die Phänomene, die im sogenannten „Feld“ bei Aufstellungen wahrnehmbar
sind, werden jedoch rechts-hirnig vermittelt - wir reden, deuten und erklären (=linkshirnig) ja auch nur sehr wenig, in den „Bewegungen der Seele“ fast gar nichts!
Bei Familienaufstellungen steht also rechtshirnige Kommunikation im
Vordergrund.
Diese rechtshirnige, nichtsprachliche Vermittlung von unbewussten Erfahrungen kennen die Psychoanalytiker und Tiefenpsychologen seit Langem als Gegenübertragung und u.a. als „Projektive Identifikation“.
Frau Almut Grosse-Parfuß2 hat in einer der letzten Ausgaben der „Praxis der Systemaufstellungen“ die Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomene und die verschiedenen identifikatorischen und projektiven Vorgänge sehr differenziert beschrieben.
Wenn ein Trauma oder andere unerträgliche Belastungen den Bindungskontakt prägen (unterbrochene Hinbewegung), erspürt das Kind über die vorsprachliche Bindungsbeziehung zur Mutter und zum Vater (oder zu anderen Ahnen) deren Belastungen und Konfliktdynamiken wie zu sich selbst gehörig.
Es nimmt diese Signale anders als verbal auf: durch Mimik, Gestik, Tonfall der Stimme, nicht bewusst kontrollierbare Gesichtsausdrucksveränderungen aller möglichen Arten, Blick, Pupillenweite Schnelligkeit von Stimme und Bewegung. Durch diese Art von Erfahrungs- und Informationsvermittlung
bleiben die Prägungen nicht bewusst benennbar und werden verinnerlicht im
impliziten, emotionalen Gedächtnis (Allan Schore s.o.1).
Es sind vor allem die nicht aushaltbaren, nicht verarbeiteten und deshalb nicht bewusst gewordenen Erfahrungen, die unser Erleben mit uns selbst und mit Anderen, unser Handeln und sogar unsere Wahrnehmung bestimmen. Sie sind präverbal, also gar noch nicht verbal benennbar und prägen uns, ohne dass wir es „wissen“. Wir können auch nicht darüber reden oder sie reflektieren, und doch bestimmen sie unser Gefühls- und Beziehungsleben.

Im Familienstellen können die Klienten nun diese Erfahrungen „rechtshirnig“ kommunizieren: Therapeut und Stellvertreter spüren deren nicht gewussten, aber immer unbewusst vorhandenen Informationen als Körper-, Beziehungs- und Gefühlswahrnehmung und teilen sie mit.


Spiegeln

Dieser Vorgang, in dem sich der Klient also zunächst erst mal gespiegelt sieht und endlich das Unbenennbare benannt wird, ist bereits heilsam! Da es sich aber oft um unerträgliche Gefühle handelt, und die Stellvertreter dies auch ausdrücken, sieht der Klient sich auch gewürdigt in seiner Wahrheit: „es ist nicht auszuhalten“!
Aber nicht ganz: die Stellvertreter zeigen auch, dass man als Erwachsener
jetzt schon aushalten kann, was für das Kind nicht möglich war.
Eine Klientin hat ihre Aufstellung-Erfahrung beim Gespiegelt-werden auf
ihrer website (http://www.missbraucht-privat.de/) beschrieben:
Ich zitiere: „Während die beiden Stellvertreter über ihre Gefühle berichteten und ich erstmalig "sehen" konnte, wieviel Angst dieses Kind jahrelang hatte, wie es zitterte und am ganzen Leib fror, wie alleine es sich fühlte, wie hilflos, wie erstarrt, war ich total entsetzt. Ich wäre am liebsten in diese Aufstellung hinein gegangen, um dieses kleine, zarte Wesen in den Arm zu nehmen, da die Mutter, ebenso erstarrt, dazu nicht in der Lage war. Ich spürte die Wut auf die Mutter in mir. Doch ich erlebte erstmalig
neben diesem Schmerz etwas völlig Neues
- eine tiefe Liebe und unbeschreiblichen Respekt vor diesem Kind, welches
diese Gewalt überlebt hat !!!
Das Wort "Überlebende" zu sein, hat jetzt, nach der Aufstellung ein völlig neue Bedeutung für mich. Ich bin nicht mehr das Opfer !!! Ich kann die Kraft des kleinen Mädchen fühlen und bin sehr stolz darauf. Ich bin stolz auf mich !!! Ich bin OK !!! Ich habe das Gefühl, erst nun geboren zu sein“

Die Klientin ist für das Spiegeln der Körper- und Gefühlswahrnehmungen offen, nicht aber für (zu frühe) erklärende und Verstandesmitteilungen. Die Kommunikation muß also auch von Stellvertreter/Therapeut zu Klientin rechtshirnig laufen!

Sogenannte Spiegel-Neurone, die zwei italienische Forscher aus Parma (Vittorio Gallese und Giacomo Rizzolatti)3 entdeckten, könnten bei diesen Vorgängen eine Rolle spielen: diese Neuronen im Gehirn (Nervenzellen, die wir alle besitzen), haben die Fähigkeit, das vom Gegenüber gespürte wie als das Eigene wahrzunehmen: eine Beschreibung von Einfühlung und Empathie.



Selbstorganisation

Als Stellvertreter und v.a. als Aufstellungsleiter müssen nun wir das Gespürte, Erlebte lange genug (aus)halten, „containen“.
Solange, bis
- die emotionale Aufregung und Erschütterung reguliert werden kann,
- durch das Spiegeln beim Klienten ein innerer Prozess in Gang kommen kann. Nach einem „Aha-Erlebnis“ braucht das Hirn ca. 20 bis 30
min., bis neue neuronale, synaptische Verbindungen zu wachsen beginnen,4
- und solange , bis im Stellvertreter und Aufstellungsleiter eine
Lösungsfindung beginnen kann.
Wie geschieht das?
Es mutet immer wieder wie ein Wunder an, wie die Seele einen Lösungsweg findet. Wenn wir spüren und dabeibleiben (containen) beginnt eine erstaunliche Selbstorganisationsfähigkeit zu wirken.
Wenn es dem Therapeuten gelingt, den Raum für das Spüren der Verstrickung angemessen lange zu halten, kann sich die Öffnung für die Selbstorganisation entwickeln. Dies gibt dem Klienten eine (wenigstens z.T.) verarbeitete und verstandene bewusster gewordene Erfahrung wieder,
mit der er oder sie alleine weiter arbeiten kann.
Aber es gibt ihm auch Vertrauen in diese Selbstorganisation, die wirken kann, wenn ein offener, wertungsfreier, gehaltener Raum zur Verfügung gestellt wird.
Die Erfahrung im phänomenologischen Arbeiten zeigt, dass diese Wirkung der Selbstorganisation bisher unorganisierter (unverarbeiteter) Erfahrungen, Erinnerungen oder Verstrickungen nur in so einem offenen Raum der Präsenz und des Getragenseins stattfinden kann.
Hunter Beaumont, dem ich sehr viel verdanke, bietet in seiner phänomenologischen Selbstforschungs-Arbeit viel Gelegenheit, diese Qualität zu erforschen und zu finden.
Die Arbeit so anzubieten, erfordert vom Aufsteller eine gründliche Qualifizierung:
eine langjährige Übung in Präsenz, ein Sich-Auskennen in diesem wertungsfreien, offenen und getragenen Raum, und die Fähigkeit, dies nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Teilnehmer in heftigen Gefühlserfahrungen anbieten zu können.
Abwehr

Als Aufsteller werden wir öfters mit der „Abwehr“ des Klienten konfrontiert sein.
Abwehr heißt hier, daß der Klient einen Schritt in der Aufstellung zu vermeiden oder zu verhindern sucht, den er als gefährlich oder bedrohlich für sich einschätzt.
Eine im emotionalen Gedächtnis gespeicherte, früher tatsächlich bedrohliche Erfahrung wird getriggert. Dazu reicht eine nur vage ähnliche Situation - und Aufstellungen bieten dazu ja reichlich Gelegenheit.
Der Klient wähnt sich sozusagen wieder in der alten (kindlichen) traumatisierenden Situation. Und das geschieht in Sekundenbruchteilen: Die Neurophysiologen haben festgestellt, dass die Nervenleitungsgeschwindigkeit dieser Gedächtnis-Hirnstrukturen etwas schneller als die unseres bewussten Denkens ist! Bevor man sich also bewußt ist , überwältigt einen schon z.B. eine alte Angst. Und Sich-wehren ist blitzschnell angesagt, geschieht automatisch.
Traumatisierte oder systemisch stark belastete Klienten, und mit solchen haben wir oft zu tun, haben aber gerade eine besonders leicht triggerbare und überschießende Abwehrbereitschaft. Wir müssen damit also geradezu rechnen!5
Wenn sich der Klient also „wehrt“, z.B. versucht, bei Gefahr in Windeseile die Kontrolle über das Geschehen zu gewinnen, so dürfen wir das nicht als bewussten Versuch, uns zu kontrollieren oder zu manipulieren auffassen.
Wir könnten es als einen „Notrettungsversuch“ auffassen, um wieder eine gewisse Kontrolle über die gefährliche Situation zu gewinnen.
Wir sollten also die Aufstellung dann nicht mit einer entsprechenden Beschuldigung abbrechen.

Ein Beispiel aus meiner Arbeit:
Ein Klient weigert sich an einer Stelle der Aufstellung heftig dagegen, daß der Stellvertreter des Vaters weiter eine Rolle spielen sollte, mit der Begründung „es ginge nur um die Mutter“.
Ich führte die Aufstellung ein Stück weiter: es kam heraus, daß die Söldnertätigkeit des Vaters einen massiven und wesentlichen Einfluß auf den Klienten und seine Verstrickung hatte. Der Klient lehnte alles weitere ab und wertete die Aufstellung als „falsch“ ab.
Ich konnte die Einschätzung des Klienten annehmen und verstehen - die Bedrohung durch den Tabubruch, über die Söldnertätigkeit zu sprechen war zu spüren! Ich lud ihn aber ein, einfach weiter zu beobachten, wie die übrige Aufstellung noch wirkt.
Drei Wochen später konnte er in seiner Einzeltherapie bei einem Kollegen beginnen, die Erschütterung durch die Aufstellung zuzulassen.

Diese alten Prägungen im emotionalen Gedächtnis des Klienten lassen ihn natürlich zunächst mal den Therapeuten als Bedroher und sich als Opfer erleben.

Auch wir Therapeuten haben natürlich Reaktionsmuster, die uns blitzschnell reagieren (d.h. uns davor schützen) lassen. Z.B. bei eigenen alten Mustern oder bei Manipulationsversuchen oder wenn wir „ungerechterweise“ als Bedroher hingestellt werden, wo wir es doch so gut meinen.
Ein Innehalten an solchen Stellen aber erfordert von uns Aufstellern eine gut geschulte Reflexionsfähigkeit, um nicht blind zu „reagieren“ auf solch subtile, unbewusste Manöver des Klienten.
Vor allem aber können wir uns dann wieder erinnern an die jetzige Realität: der Klient möchte ja genau diese alten Erfahrungen/Verstrickungen überprüfen und verarbeiten lernen. Er muß sie dazu oft erst emotional wiedererleben.
Dann können wir vielleicht öfters diese innere Bewegung zu einer Öffnung, eines Gehaltenseins finden. Wir erreichen damit genau diese verletzten, sich-bedroht-fühlenden Anteile des Klienten. Erst dann kann er
sich an dieser Stelle vielleicht für eine Verarbeitung, für eine neue Erfahrung öffnen.


Scham-Abwehr

Eine besondere Form der Abwehr eines der unangenehmsten Gefühle, die wir kennen, die Abwehr der Scham, taucht bei Aufstellungen oft im Kontext
von Kriegsereignissen, speziell beim Thema Nazi-Vergangenheit auf.
Über „Scham-Abwehr“ hat die Freiburger Forschungsgruppe „Erinnern und Lernen -Aufarbeitung der NS-Vergangenheit“ mit den Autoren Stephan Marks und Heidi Mönnich-Marks interessante Forschungsergebnisse erarbeitet, die für uns Aufsteller sehr unterstützend sind.6
Der Forschungsbericht zeigt, wie bei der Arbeit mit der NS-Vergangenheit, NS-Tätern und ihren Nachkommen, die Scham und Schuld nicht beim Täter,
sondern beim Therapeuten auftreten kann: als Gegenübertragungsreaktion.
Was ist damit gemeint?
Die therapeutisch geschulten Mitarbeiter dieser Studie interviewten Nazi-Täter über deren Motivation, bei der NS-Bewegung aktiv mitzumachen. Die interviewten Täter verharmlosten, bagatellisierten oder idealisierten (klassische Abwehrmechanismen) meist ihre Ansichten und Taten und
reagierten oft verächtlich. Sie spürten die Scham über ihre Täterschaft nicht.
Rein inhaltlich betrachtet wirkten die erarbeiteten Interview-Texte relativ banal.
Die Interviewer jedoch erlebten bei sich eine intensive Scham, ein sich beschämt-fühlen über das Gespräch mit den Tätern - sie fühlten sich teilweise wie selber schuldig. Die persönlich erlebte Scham ging so weit, dass sie kaum untereinander darüber reden konnten, demotiviert und
ablehnend wurden und so das Projekt fast aufgegeben wurde.
Erst eine gemeinsame Team-Supervision zeigte, dass die von den Nazi-Tätern verharmloste, verdrängte („abgewehrte“) Scham und Schuld (als
Gegenübertragungsreaktion) bei den Interviewern auftrat und zwar heftig!
Auch wir kennen diese Reaktion, wenn wir vor Aufstellungen nach der NS-/Kriegs-Zeit fragen, wie sehr die härtesten Fakten als z.B. „Das war halt die Zeit damals“ bagatellisierend abgetan werden, oder die Beteiligten
verächtlich angeschaut werden. Nachdem ich meine Aufmerksamkeit diesbezüglich geschult habe, konnte ich entsprechende Phänomene differenzierter wahrnehmen:
Stellvertreter oder ich als Aufsteller erlebten die Scham oder die Schamabwehr (z.B. Verachtung...) plötzlich heftig. Bezogen auf die Dynamik war dann immer eine abgewehrte Scham eruierbar - und dies half
entscheidend für die Findung der Verstrickung und der Lösung.
Wenn so heftige und verleugnete Emotionen aus unserer Nazi-Vergangenheit in Familienaufstellungen regelmäßig ans Licht kommen, ist eine Abwehr auch durch die Gesellschaft nicht vermeidbar. Wir müssen damit rechnen, daß unsere Arbeit auch deswegen heftig bekämpft wird und deshalb besonders professionell arbeiten.

Es wird deutlicher, wie unabdingbar eine regelmäßige Supervision für Aufsteller ist. Eine professionelle Haltung werden wir nur so erreichen.


Zugehörigkeit

Eine neurobiologische Untersuchung möchte ich noch gern erwähnen, weil sie eine besondere Relevanz für uns Aufsteller hat.
Sie untersucht Aspekte der Zugehörigkeit zu einem System, und die spielt in der Aufstellungsarbeit ja eine große Rolle.
Wir alle kennen die massiven Folgen, die es für den Einzelnen und das System hat, wenn die Zugehörigkeit verletzt wird, wenn z.B. jemand
ausgegrenzt wird.
N. Eisenberger und M. Liebermann von der University of California, L.A.7 ließen Versuchspersonen an einem Computer-Ballspiel mit virtuellen Mitspielern teilnehmen.
Sie nahmen dabei Messungen des Gehirns bei den Probanden vor, sogenannte fMRI-Untersuchungen („functional magnetic resonance
imaging“). Dabei wird die Aktivität einzelner Hirnbereiche abgebildet.
Wenn die Probanden -vorgeblich wegen eines Software-Defekts von den virtuellen Spielpartnern von der Teilnahme am Spiel ausgeschlossen wurden, so reagierte das Gehirn nicht anders als beim Mitspielen-dürfen.
Wurden sie jedoch ohne Erklärung einfach nicht mehr angespielt, fühlten sie sich ungerechterweise ausgeschlossen und reagierten gekränkt und verletzt. Im Hirnbild reagierten die zuständigen emotionalen Zentren mit vermehrter Aktivität. Aber erstaunlicherweise reagierten auch die Hirnareale, die für die Wahrnehmung des physischen Schmerzes zuständig sind!
Ausgeschlossen werden tut also nachweislich weh - wie sehr wohl aber erst, wenn es sich um reale nahe Verwandte handelt, die uns ausschließen!


Rechtes Hirn zu Rechtem Hirn


Das Familienstellen ist also ein Vorgehen, das auch durch Erkenntnisse der neueren neurobiologischen und entwicklungspsychologischen Erkenntnisse unterstützt wird.
Der Neurobiologe Roth fand: „Das bewusste Ich ist nicht in der Lage, über Einsicht seines emotionalen Verhaltens oder durch Willensentschluss Strukturen zu verändern - dies kann nur über die bewegende emotionale Interaktion geschehen.... nur durch das Reden kann psychische Bereitschaft nicht geändert werden“8.
Und das genau leitet uns auch beim Familienstellen.
Wir kommunizieren also nicht „Top -> down“, also vom bewussten sprechenden (linkshirnigen) Verstand aus. Die in rechtshirnigen Strukturen eingeprägten Verstrickungen oder Traumatisierungen (im emotionalen Gedächtnis) erreichen oder verändern wir nicht durch erklären und deuten9.
Es gelingt aber, wenn die Stellvertreter dem Klienten auf emotional nachvollziehbare Weise die Prägungen spiegeln.
Das dann folgende Sprechen dient dann dem Verstehen, dem Einordnen und Wiedererinnern.
Das Verständnis, das sich dann daraus entwickelt, stammt nicht aus einem Konzept , sondern bildet erlebte Wirklich-keit ab.


Die Fähigkeit des Gehirns und der Seele (ohne dass wir sie definieren könnten oder dürften) sich selbst zu organisieren in einem heilsamen, stimmigen Sinne, bedarf eines offenen, nichtwertenden Raumes: durch die Präsenz des Aufstellers.
Eine gute Meditationspraxis ist hilfreich.
Hier treffen sich die Neurobiologie und die spirituellen Traditionen.
Eine Studie von Hirnforschern, die mit mit dem Dalai Lama zusammenarbeiten, lieferte spannende Ergebnisse10.

Für mich ist das Wachsen des Vertrauens in diese Selbstorganisationsfähigkeit im offenen Raum (meines und das der Teilnehmer) eines der größten Geschenke aus der Aufstellungsarbeit.





Literaturempfehlung: ein Hirnforschungsbuch auch für Laien auf Deutsch:
Joachim Bauer: Das Gedächtnis des Körpers, Frankfurt, 2002

Anmerkungen:
1 Allan Schore: Affect Regulation and the repair of the self“, New York 2003
2 Almuth Grosse-Parfuß: Familienstellen und Psychoanalyse in Praxis der Systemaufstellungen 2/2003
3 Vittorio Gallese und Giacomo Rizzolatti von der Universität Parma, in „New Scientist“, Jan. 2001
4 Fangauf Ulrike: Zukunft der Psychotherapie, Dtsch. Ärzteblatt PP 2 Dez. 2003, S/563
5 Grawe Klaus: „Von der Verhaltenstherapie zur Neuropsychotherapie“, Bern aus der Homepage des bvvp
6 Stephan Marks und Heidi Mönnich-Marks: www.geschichte-erinnerung.de
7 N. Eisenberger und M. Liebermann: news release der University of California, L.A., 10.10.2003
8 Gerhard Roth: „Fühlen, Denken, Handeln“, 2001
9 Allan Schore: „Bindung, Rechtshirn und Lebensbewältigung“ aus dem ZIST-Programm 2004
10 Richard Davidson über Effekte der Meditation auf die Hirnktivität in New Scientist 178, 2003, S.44



 
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Phänomenologische Therapie im Kontakt mit den Bewegungen der Seele.
© Dr.med. Josef Rabenbauer