Eigener Artikel in der Zeitschrift: „Systemische Aufstellungspraxis 1/2004:

Abwehr und Gegenübertragung
bei Aufstellungen über unsere Kriegsvergangenheit



Ein Grund glaube ich, warum die Aufstellungsarbeit heftig angegriffen wird ist, weil sie auch Themen aufgreift aus unserer Kriegsvergangenheit, von unserer Teilhabe oder der Teilhabe unserer unmittelbaren Vorfahren am 3. Reich, am Krieg und an den Nazi- und Kriegs-Verbrechen, die wir bis vor wenigen Jahren auf tiefe Weise verdrängt und abgewehrt haben:
Schuld, Scham, Werte wie Vaterlandsliebe, Loyalität, Ehre, Visionen... - Werte, die im 3. Reich missbraucht und verraten wurden, mit entsprechender Wirkung auf die Seele.
Wenn eine therapeutische Methode an hochgradig Tabuisiertes, Scham- oder Schuld- besetztes, nicht Verarbeitetes erinnert, kann man schon leicht mit heftiger Abwehr reagieren (die Analytiker beschreiben verschiedene Abwehrmechanismen) - vor Allem, wenn diese Tabuisierung kollektiv geschehen ist!

Um diese Themen aufgreifen zu dürfen und zu können, bedarf es eines professionell geschützen Rahmens, in dem ein ehrliches und benennendes Erinnern und Aufarbeiten möglich ist:
Und genau das habe ich (meist mehr als in meinen anderen Therapie- oder Selbsterfahrungs-Gruppen) in der Arbeit des Familienstellens
immer wieder erleben dürfen, und viele Aufsteller-Kollegen bestätigen das.
Die Arbeit wird zu Recht kritisiert, wo dieser Schutz (z.B. durch Unerfahrenheit oder Dogmatismus oder durch unreflektierte
Gegenübertragung) nicht gegeben ist!
Das was jetzt „Trauma“, PTBS (Posttraumatisches Belastungs-Sydrom) nach Kriegserlebnissen genannt werden darf, wurde damals (und ist immer noch aus Scham und Schuld) tabuisiert, verklärt (als heldenhafte Abenteuer) oder bagatellisiert. Das sind klassische Abwehr-Mechanismen. Das Trauma wirkt aber deshalb umso massiver weiter - als systemisch übernommene Verstrickung und beeinflusst die Prägung der Kinder/Nachfahren.
Prof. H. Radebold aus Kassel hat in seinem Buch: „ Abwesende
Väter“ (Vandenhoeck & Ruprecht, 2000) auf diese Folgen aus psychoanalytischer Sicht hingewiesen - er behandelt überwiegend Menschen, die den Krieg als Kinder miterlebt haben.


Prof. Zander aus München, einer meiner Lehrer, hat erst vor Kurzem (aus Angst vor Beschämung?) in seinem Buch: „Zerrissene Kindheit“ (Frankfurt, 1999) seine eigene Kindheit in der Hitler-Jugend beschrieben.
Jetzt erst, seit wenigen Jahren, kann auf verschiedenen Ebenen (Bücher, Filme, Politik, Forschungen...) das Thema angeschaut werden und seit vielen Jahren, seit ich diese Arbeit mache, erlebe ich in jedem Seminar mehrere Kriegsfolgen-Aufstellungen: Kriegsteilnahme, Flucht, Vergewaltigungen, Kindheit im Krieg, etc.
Es ist sicher kein Zufall, dass diese Methode in Deutschland entwickelt wurde: wir haben dringend Bedarf, diese Folgen zum Wohle unserer Kinder und auch unserer Vor- und Nachfahren aufzuarbeiten.
Die Nachwirkungen des 3. Reiches und des 2. Weltkrieges sind vielfältig.
Um nur einige zu benennen:
- Verlust von Angehörigen
- Flucht-Traumen
- Schuld an Judenverfolgung
- Schulderleben bei Denunzierungen
- Innere Abwesenheit von traumatisierten Vätern oder
Müttern oder unbekannte Väter
- Wegen Kriegsverbrechen verurteilte (oder eben nicht verurteilte)
Familienmitglieder: Folgen für die eigene Identität, Schamerleben...
- Sucht
- Folteropfer
- Zwangsarbeiter
- Visionsverlust durch Verrat an tiefen Werten
- Vergewaltigungen im und nach dem Krieg, Prostitution nach
dem Krieg
- Depression

Das Erleben von Verlust, Schuld, Scham, unverarbeiteter Traumatisierungen, hat auch das Leben der Nachfahren geprägt, v.a., weil es von unseren Vorfahren nicht verarbeitet werden konnte - und das heisst: es muss verdrängt werden, ist nur indirekt im Feld oder als Gegenübertragungsphänomen spürbar. Das heißt: wir nehmen als Therapeuten/Aufsteller ein meist unangenehmes Gefühl wahr, das wir selber auch nicht haben wollen: genau wie die Klienten oder deren Vorfahren!
Besonders unangenehm sind diese Wahrnehmungen, wenn Vergewaltigungen oder Kriegsverbrechen verdrängt und als Verachtung, als eigen erlebte Scham oder Hass in uns als Aufsteller wieder auftauchen!

Ich habe in einer Aufstellung z.B. gesehen, dass nach der Vergewaltigung (1940) ihrer Großmutter eine junge Frau zwei Generationen später eine der aktuellen Situation völlig unangemessene Intensität von Scham und Verachtung (Schamabwehr?) Männern gegenüber spürte - mit Folgen für die Ehe und die Kinder.
Für die Stellvertreter und die übrigen Teilnehmer ebenso wie für den Aufsteller waren diese heftigen Gefühle von Anfang an spürbar - noch
bevor eine "angemessene" Erklärung entstand.
Ich habe daraufhin zu diesem Thema recherchiert:
Allein in Berlin wurden 1945, in den ersten Monaten nach Kriegsende 110 000 Frauen vergewaltigt!
Frauen, die freiwillig oder unfreiwillig Beziehungen (oft mit Kinderfolge) mit Besatzern aufnahmen, wurden als „Ami-Hürle“ oder Verräterinnen bezeichnet!
So eine Beschämung kann nicht verarbeitet, sondern nur verdrängt, tabuisiert oder verleugnet (Abwehrmechanismen) werden und zwar kollektiv!
Und daher kann sie eine systemische Wirkung auf Nachgeborene haben.

Zum Thema Scham und „Scham-Abwehr“ hat die Freiburger Forschungsgruppe „Erinnern und Lernen -Aufarbeitung der NS-Vergangenheit“ mit den Autoren Stephan Marks und Heidi Mönnich-Marks interessante Forschungsergebnisse erarbeitet (www.geschichte-erinnerung.de):
Die therapeutisch geschulten Mitarbeiter dieser Studie interviewten Nazi-Täter über deren Motivation, bei der NS-Bewegung aktiv mitzumachen. Die Interviewten verharmlosten, bagatellisierten oder idealisierten (klassische Abwehrmechanismen) meist ihre Ansichten und Taten. Rein inhaltlich betrachtet wirkten die Interview-Texte relativ banal. Auch wir kennen diese Reaktion, wenn wir vor Aufstellungen nach der NS-/Kriegs-Zeit fragen, wie sehr die härtesten Fakten als z.B. „Das war halt die Zeit damals“ abgetan werden.
Die Interviewer jedoch erlebten bei sich eine intensive Scham, ein sich beschämt-fühlen über das Gespräch mit den Tätern - sie fühlten sich teilweise wie selber schuldig. Die persönlich erlebte Scham ging so weit, dass sie kaum untereinander darüber reden konnten, demotiviert und ablehnend wurden und so das Projekt fast aufgegeben wurde.
Erst eine gemeinsame Supervision zeigte, dass die von den Tätern verharmloste, verdrängte („abgewehrte“) Scham und Schuld als
Gegenübertragungsreaktion beim Interviewer auftrat und zwar heftig!
Dieser Forschungsbericht zeigt, wie bei der Arbeit mit der NS-Vergangenheit, NS-Tätern und ihren Nachkommen, die Scham und Schuld als Gegenübertragungsreaktion beim Therapeuten auftreten kann.
Darüber müssen wir uns als Aufsteller also bewusst sein.
Sonst werden wir, vor Allem bei heftigen Gegenübertragungs-wahrnehmungen leicht zum Blind- „Reagieren“ neigen, also selber abwehren und vielleicht den Klienten ablehnen, beschuldigen oder der Manipulation überführen wollen - Verachtung z.B. ist da ein „beliebter“ Scham-Abwehr-Versuch!
Dabei sind diese Phänomene ganz gewöhnlicher Teil unserer Arbeit, ja sogar, wenn genutzt, sehr wertvolle, unersetzbare Hinweise:
Da wir als Aufsteller diese Wahrnehmungen als „im Feld auftauchend“ bezeichnen können, sind wir besser geschützt vor unserer eigenen abwertenden Reaktion den Klienten gegenüber und können sie als wertvolle Informationen die Konfliktdynamik/Verstrickung betreffend
nutzen.
Die neuere Hirnforschung bestätigt die Erkenntnisse der Analyse und Bindungsforschung (A. Schore, New York, 2003) über die Entstehung dieser Phänomene: Über die unbewusste noch vorsprachliche Bindungsbeziehung des Kleinkindes zur Mutter und auch zum Vater erspürt es deren Belastungen und Konfliktdynamiken wie als zu sich gehörig, ohne sie benennen zu können und verinnerlicht sie.
Wenn wir als Aufsteller oder Stellvertreter in den Rollen diese Phänomene im (ja nur aufgestellten) Familienfeld so heftig spüren können,- wie sehr muss da im realen Familienfeld ein Kind erst die abgewehrten Themen spüren!
Der Autor hat auch aufgezeigt, wie respektvoll und offen, frei von vorschnellen Bewertungen der therapeutische Raum sein muss, damit solche Scham-Themen ans Licht kommen können, ohne erneut zu traumatisieren!
Und wie gut der Therapeut auch bzgl. der Reflexion, das Gewahrsein seiner Gegenübertragungsgefühle ausgebildet sein muss!

Ein (stark verkürztes) Beispiel einer Familienaufstellung:
Ein Klient berichtet von der Todessehnsucht seines 15-jährigen
Sohnes:
Im Familienaufstellungsbild (wir stellen das Herkunftssystem des Klienten auf) steht dieser Sohn des Klienten ganz nah bei seinem Großvater mit gleicher Blickrichtung. Der Stellvertreter des Großvaters spürt schwere Last und Schuld. Sein Enkel spürt das Gleiche.
Als jemand in die Blickrichtung des Großvaters gestellt wird, wird die Last des Großvaters noch heftiger und die Schuld noch deutlicher.
Aber auch die dazugestellte Person spürt schwere Schuld und Scham!
Bei mir als Aufsteller kommt allmählich immer mehr ein äußerst unangenehmes Gefühlsdurcheinander auf; ich möchte diese Aufstellung möglichst schnell beenden: „das bringt ja eh nix, das hat ja gar nichts mit dem zu tun, was die Klientin vorher gesagt hat, die Stellvertreter kochen da ihr eigenes Süppchen, die liegen doch völlig daneben".
Eine Art Verachtung den Stellvertretern gegenüber kommt bei mir auf.-
Als ich (mit dieser Gegenübertragungsreaktion) einfach dabei bleibe, und etwas davon mitteile, kann sich der Klient auf Nachfrage jetzt an ein „Gerücht“ erinnern:
Es habe eine tabuisierte Begebenheit im Wohnort des Großvaters unmittelbar nach dem Krieg gegeben, welche diesen völlig verändert habe, seither sei dieser hart und völlig verschlossen geworden.
Nach Aussagen von Großonkel und -tante habe der Großvater „jemanden denunziert“, der vielleicht dadurch zu Tode kam.
Im Familien-System spürte das Kind diese tabuisierte Schuld und die Beschämung über diese Untat (und die Ambivalenz über die eventuelle Gerechtigkeit?).
Das Ans-Licht-Kommen dieser Dynamik und die Würdigung des Schicksals beider Personen hat eine erleichternde Wirkung auf den Stellvertreter des gefährdeten Sohnes und auf den Klienten.
Hier wird auch deutlich, wie wach wir bei den zunächst mal abwertenden eigenen Gefühlen bleiben müssen.

Zum Schluss noch ein Hinweis auf ein Buch aus einer anderen
Familientherapietradition:
Evan Imber-Black, eine international sehr anerkannte amerikanische Familientherapeutin, hat in ihrem kürzlich auch auf Deutsch erschienenen Buch "Die Macht des Schweigens - Geheimnisse in der Familie" (Klett-Cotta 1998) eine Fülle von Erfahrungen zusammengetragen, die unser Bewusstsein und vor allem unser Herz für die tiefe Verbindung von Kindern mit ihren Nächsten in Familien weit öffnen können.

Vielleicht können wir auf diesem Hintergrund die Kritik an der Aufstellungsarbeit etwas mehr nutzen.