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Journal

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  Bert Hellinger: Die phänomenologische Vorgehensweise

Wahrnehmung und Intuition

Die phänomenologische Vorgehensweise kann man nicht mit dem Begriff der Intuition oder der Erfahrung einfangen. Er ist für mich sehr viel mehr. Die Intuition ist in blitzartiges Erfassen, ob und wo es weiter geht. Sie ist auf Zukunft gerichtet. Sie entsteht im Augenblick, ohne mein Zutun.

Den phänomenologischen Erkenntnisvorgang nenne ich Wahrnehmung. Das ist etwas völlig anderes. Wahrnehmung heißt, daß ich mich einem Zusammenhang aussetze, zum Beispiel schaue, was passiert, wenn Leute sich auf ihr Gewissen berufen oder sagen, daß sie gewissenhaft handeln. Das ist ein sehr vielschichtiges Phänomen, das ich lange nicht durchschaut habe. Daher habe ich das jahrelang einfach auf mich wirken lassen, mit gesammelter Aufmerksamkeit, bis ich plötzlich wahrgenommen habe, was Gewissen wesentlich heißt.

Das Gewissen ist ein systemisches Gleichgewichtsorgan, mit dessen Hilfe jeder sofort wahrnehmen kann, ob er sich im Einklang mit dem System befindet, oder nicht; ob er etwas tut, was ihm die Zugehörigkeit sichert, oder ob er etwas tut, was seine Zugehörigkeit gefährdet oder aufhebt. Es hat sich also herausgestellt, daß gutes Gewissen nichts anderes bedeutet, als: Ich darf noch dazu gehören, und daß schlechtes Gewissen heißt: Ich muß befürchten, daß ich nicht mehr dazugehören darf.

Es wurde also aus einer Fülle von Phänomenen plötzlich das Wesentliche erfaßt. Das nenne ich eine phänomenologische Vorgangsweise. Sie hat also nichts zu tun mit vorgefaßten Konzepten, auch nichts zu tun mit der Absicht etwas durchzusetzen, z. B. eine Idee oder Traditionen hochzuhalten. Es ist ein schlichter, gesammelter Vorgang, ohne Absicht und ohne Furcht.





 
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Phänomenologische Therapie im Kontakt mit den Bewegungen der Seele.
© Dr.med. Josef Rabenbauer